Interview mit dem Landeskriminalamt über Schockanrufe: KI, neue Maschen, Prävention
Die Stimme klingt echt, die Nachricht glaubwürdig – und trotzdem steckt ein Betrüger dahinter. Künstliche Intelligenz macht bekannte Betrugsmaschen inzwischen noch überzeugender. Auch Schockanrufe sind im Oberland immer wieder ein Thema. Wie KI den Tätern hilft, warum Menschen trotz aller Warnungen darauf hereinfallen und wie ihr euch schützen könnt, erklärt Ludwig Waldinger vom Bayerischen Landeskriminalamt im Interview.
Nehmen Betrugsmaschen mithilfe von KI zu?
Ludwig Waldinger vom Bayerischen Landeskriminalamt:
„Es ist ein bisschen schwierig: Man kann keine belastbaren Aussagen dazu treffen, ob jetzt Betrugsmaschen durch KI zunehmen oder was auch immer am häufigsten vorkommt. Denn wir haben in der polizeilichen Kriminalstatistik keine Möglichkeit auszuwerten, ob die Tat von einem Menschen oder von einer KI begangen wurde. Das muss man aber auch einmal ganz klar sagen: Für den Betroffenen ist das leider auch egal. Er ist Opfer einer Straftat geworden. Womit die Tat begangen wurde, ist dann eigentlich egal“.
Wie hilft KI Betrug erfolgreicher zu machen?
Ludwig Waldinger vom Bayerischen Landeskriminalamt:
„Das Ganze wird dadurch noch glaubwürdiger und überzeugender umgesetzt. Man muss es sich einfach so vorstellen: Man redet hier von einer eigentlich fehlerfreien sprachlichen Formulierung. Man kann Stimmen perfekt imitieren, man kann Bilder und Videos manipulieren, und es kann natürlich deshalb auch über viele Kommunikationswege stattfinden. Es kann über das Telefon gehen, über Videoanrufe, über E-Mails, soziale Netzwerke – egal wie. Die Reichweite der Täter wird durch KI größer, die Maschen bleiben aber die gleichen“.
Eine gängige und bekannte Masche ist der Enkeltrickbetrug: Warum fallen trotz Aufklärung immer noch Menschen darauf rein?
Ludwig Waldinger vom Bayerischen Landeskriminalamt:
„Das ist einfach die Masche, die so erfolgreich ist, denn man geht damit gerade bei Schockanrufen und natürlich auch beim Enkeltrick ganz massiv auf die Opfer zu und wirkt ganz massiv auf die Psyche ein. Dann schaltet das Hirn offensichtlich in einen anderen Modus. Die Präventionstipps sind dann einfach weg. Dem Opfer wird keine einzige ruhige Sekunde mehr gewährt, es kann sich nicht mehr vergewissern, und man glaubt einfach das, was jetzt hier kommt. Also fällt man tatsächlich als Opfer in eine Art Schockstarre. Daher kommt auch der Name «Schockanruf», und ein logisches Handeln ist dann einfach nicht mehr möglich“.
Wie kann ich mich also schützen?
Ludwig Waldinger vom Bayerischen Landeskriminalamt:
„Es darf nie auf wenige Sekunden ankommen. Insbesondere wenn es um Geldforderungen geht, sollte man wirklich nachdenken und irgendjemanden anderen fragen und nicht sofort handeln. Wenn man hört, dass ein Angehöriger verletzt ist, sollte man versuchen, diesen Angehörigen über andere Kommunikationswege zu erreichen. Und es gibt natürlich auch – gerade bei älteren Personen – in der Familie die Möglichkeit eines Codeworts. Das sollte man am besten vorher abmachen. Wenn ein angeblicher Angehöriger anruft, muss man nach dem Codewort fragen. Wenn er es nicht kennt, dann war es das: sofort wieder auflegen“.
Andere Betrugsmasche - beispielsweise via E-Mail: Kann man heutzutage einer E-Mail überhaupt noch ansehen, ob sie von einem Betrüger mit KI erstellt wurde?
Ludwig Waldinger vom Bayerischen Landeskriminalamt:
„Es kommt immer auf den Inhalt der E-Mail an. In dieser E-Mail, die jemand in böser Absicht verschickt, steht ja auch drin, was die Person will. Man will Geld oder man will irgendetwas erreichen. Dabei kommt es nicht darauf an, wie die E-Mail aussieht, sondern darauf, ob die Forderung berechtigt ist oder nicht. Man muss einfach kritisch hinterfragen und lieber einmal weniger etwas bezahlen oder einmal mehr jemand anderen dazu fragen und eine Meinung einholen. Wenn man sich komplett unsicher ist, kann man sich auch jederzeit an die Polizei wenden.“
Betrüger rüsten sich mit KI - inwiefern zieht die Polizei da nach?
Ludwig Waldinger vom Bayerischen Landeskriminalamt:
„Wir haben natürlich Programme, Tools und Ähnliches, die unsere Arbeit unterstützen. Aber für uns als Polizei ist es sehr wichtig: Die künstliche Intelligenz darf nicht die Entscheidung über eine Maßnahme treffen. Das müssen Menschen entscheiden, das müssen Ermittler, Polizisten und Analysten entscheiden. Es darf nie eine KI sein. Und eine KI einzusetzen, um eine KI aufzudecken, bringt wiederum nichts“.