Wolfgang Sacher - Mit einem Arm und ganzem Herzen für den Sport
„Das Ehrenamt ist das Rückgrat unserer Gesellschaft“ – ein Leben zwischen Leistung, Leidenschaft und Lebensmut
Leidenschaft und Lebensmut
Wenn Wolfgang Sacher mit seinem Rennrad bei Radio Oberland vorfährt, ist sofort klar: Hier kommt jemand, der nicht nur mit Muskelkraft, sondern mit Herzblut unterwegs ist. Seit Jahrzehnten ist der Penzberger im Paracycling aktiv – und weit darüber hinaus: als Mutmacher, Brückenbauer und ehrenamtlicher Gestalter unserer Gesellschaft.
In der aktuellen Folge unserer Serie „Ehrensache“ erzählt er seine bewegende Geschichte – von einem folgenschweren Unfall über internationale sportliche Erfolge bis hin zu seinem vielfältigen Engagement. Eine Geschichte, die zeigt: Ehrenamt beginnt mit einem Entschluss – und wächst mit dem Willen, etwas zu bewegen.
Ein Schicksalsschlag verändert alles
Wolfgang Sacher war 16 Jahre alt, als sich sein Leben von einem Moment auf den anderen veränderte. Am 13. April 1983 wollte er mit Freunden nach der Arbeit am Güterbahnhof in Penzberg spielen. Was als harmlose Mutprobe begann, endete in einer Tragödie:
„Beim Überspringen von einem Waggon auf den anderen hebt man ja quasi beim Springen die Hände und da bin ich in das Spannungsfeld von der 16.000 Volt Leitung gekommen. Da hat es geblitzt und gekracht und gescheppert… Linker Arm amputiert, im rechten Fuß alle Zehen, am linken Fuß einiges versteift und verbrannt.“
Was folgt, ist eine schwere Zeit. Der damals 16-Jährige verliert nicht nur seine körperliche Unversehrtheit, sondern auch viele Perspektiven.
„Man ist nicht Fisch, nicht Fleisch. Man weiß nicht, wo es hingeht und man kann dann eigentlich den Beruf, was man lernen wollte, nicht mehr machen. Moped fahren, etc. auch nicht mehr. Das war schlimm.“

„Das Leben kann auch so schön sein“ – Der lange Weg zurück
Der Weg zurück in ein aktives, erfülltes Leben war kein leichter. Doch Wolfgang kämpft – gegen die körperlichen Einschränkungen, gegen Depressionen und für eine neue Perspektive:
„Ich habe erstmal Jahre gebraucht, wieder auf die Füße zu kommen. Auch vom Kopf, mental her. Aber es hat mir letztendlich auch gezeigt, wie schön das Leben auch so sein kann.“
Diese Erkenntnis prägt ihn bis heute – ebenso wie der Mut, neue Wege zu gehen.
„Ich bin meinen eigenen Weg gegangen, hab Zeit gebraucht. Habe natürlich auch gute Freunde gehabt und Familie, die mich da unterstützt haben.“
Vom Hobbyradler zum Weltmeister
Sein neues Kapitel beginnt auf zwei Rädern. Anfangs als Ausgleich, bald mit wachsendem Ehrgeiz: „Nachdem ich ja rechts alle Zehen amputiert hab und links alles versteift ist, ist natürlich Joggen oder länger Wandern Gift. Insofern hat sich dann schnell der Weg aufs Radl gefunden.“
Wolfgang nimmt ab, trainiert, fährt bei Hobbyrennen mit – und wird entdeckt: „2001 beim Arber-Marathon hat mich Norbert Episch angesprochen, ein einbeiniger. Und 2004 bin ich nochmal angesprochen worden vom Landessportfachwart in Bayern, Franz Zisler. So ist der Weg losgegangen.“
Schon ein Jahr später steht er bei der Europameisterschaft auf dem Podium. 2008 folgt der große Traum: die Teilnahme an den Paralympischen Spielen in Peking. Sein Erfolgsrezept? „Wenn ich’s mache, dann mach ich’s gescheit. Dann möchte ich das Ziel erreichen und versuche das Beste rauszuholen.“
„Der Sport verbindet – und macht Türen auf“
Wolfgangs sportlicher Ehrgeiz beschränkt sich nicht auf Medaillen. Vielmehr nutzt er seine Erfahrungen, um andere zu inspirieren – vor allem junge Menschen. In Klassenzimmern erzählt er offen von seinem Weg, seinem Handicap, seinem Mut. „Ich möchte das, was ich erlebt hab, einfach auch weitertragen, andern Mut machen.“
Egal ob in der Grundschule in Bad Tölz oder in einer Berliner Schule in Neukölln: Die Begegnungen mit den Kindern sind für Wolfgang etwas Besonderes – und oft überraschend ehrlich: „Ein Kind hat gesagt: ‘Du Mama, der hat sich den Arm abgebrochen.’ Ich bin ja keine Playmobilmanschgal, dem wo der Arm abbricht – aber ich habe damit überhaupt kein Problem.“ Er erklärt, zeigt, demonstriert. Und bringt die Kinder damit zum Staunen: „Teilweise kann ich schneller Schuhbandel binden wie die Kids mit zwei Händen.“
Ehrenamt aus Überzeugung – und voller Herzblut
Was Wolfgang tut, macht er nicht „für ein Ehrenamt“. Es ist für ihn längst Alltag – selbstverständlich und tief in seinem Leben verwurzelt: „Ich bezeichne es gar nicht als Ehrenamt, weil es in Fleisch und Blut übergeht.“
Er ist Schirmherr von „Muskeln für Muskeln“, engagiert sich bei Ready for Handicap, ist aktiver Stadtrat, Vereinsmitglied, jahrelanger Vorsitzender des Radlvereins in Wolfratshausen – und bringt seine Botschaft über Bayerns Grenzen hinaus in die Welt. Selbst eine Notoperation hält ihn nicht auf: „Am 20. Januar war ich noch in Berlin in der Schule – und am 21. bin ich notoperiert worden. Die Kids haben mir dann alles Gute gewünscht… Das hat mich sehr gefreut.“
„Ohne Ehrenamt würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren“
Wolfgang spricht mit Leidenschaft – aber auch mit klarem Blick auf das große Ganze: „Ohne Ehrenamt ist in unserer Gesellschaft gar nicht möglich, den Standard zu leisten, was jetzt durch Ehrenamtliche gemacht wird. [...] Das Ehrenamt ist das Rückgrat unserer Gesellschaft und unserer Demokratie.“
Er erinnert daran, dass es unzählige Formen des Engagements gibt – vom Maibaumaufstellen bis zur Freiwilligen Feuerwehr, von der Kulturpflege bis zur politischen Arbeit im Gemeinderat: „Wenn man das Feedback kriegt und sieht, was man gemeinsam schaffen kann… Dann ist es das wert. Und es ist unbezahlbar.“
Ein Aufruf an uns alle: Einfach mal machen!
Wolfgang Sacher ist ein Vorbild – nicht, weil er „trotz“ seines Handicaps so aktiv ist, sondern weil er zeigt, wie aus Einschränkungen Möglichkeiten werden. Wie aus Engagement Wirkung entsteht. Und wie viel wir alle bewegen können, wenn wir bereit sind, unsere Zeit zu investieren.
Sein Rat? „Probiert es aus. Engagiert euch in dem Bereich, der euch Spaß macht. Es muss der Bereich passen, die Leute müssen passen – und dann ist das ein Selbstläufer.“
Ein Satz, den wir mitnehmen sollten. Genauso wie sein Blick auf das Wesentliche: „Zum Schluss kommt’s auf uns zurück – nicht ums Geld. Es geht vielleicht um ein Lächeln. Und das ist unbezahlbar.“
Wolfgang Sacher bleibt am Ball. Für den Sport. Für die Kinder. Für uns alle.
Kontakt unter: kontakt@sacherwolfgang.de
Dieser Artikel wurde erstellt mit freundlicher Unterstüzung von
