Lebensretterin im Verborgenen  

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Anne-Kristin Sturm aus Riegsee bringt Hoffnung als Stammzellenkurierin

Ein stiller Koffer. Eine große Verantwortung. Und eine Frau, die mit jeder Reise ein Stück Leben transportiert.

Einsatz mit Herz: Anne-Kristin Sturm – ehrenamtlich unterwegs für das Leben

Wenn Anne-Kristin Sturm aus der Gemeinde Riegsee unterwegs ist, trägt sie kein typisches Helfer-Outfit, keine Uniform. Was sie bei sich hat, ist eine kleine unscheinbare Box – und doch steckt darin nichts Geringeres als Hoffnung auf ein neues Leben. Denn Anne-Kristin ist Stammzellenkurierin – ehrenamtlich. „Ich transportiere Stammzellen oder Knochenmark vom Spender zum Patienten“, erzählt sie im Gespräch mit Lisa Wohllaib bei Radio Oberland "Ehrensache".

Der Impuls kam auf Kreta

Die Entscheidung für dieses außergewöhnliche Ehrenamt fiel nicht etwa während eines medizinischen Studiums oder durch einen Aufruf. Es war ein Gespräch bei einem Tango-Argentino-Kurs auf Kreta, das alles veränderte „Dort war ich vor dreieinhalb Jahren. In einer fremden Gruppe. Und da sitzt man jeden Abend mit jemand anderem beieinander. Und da saß dann auf einmal einer, der hat erzählt, dass er das macht.“ Was für andere vielleicht ein interessantes Gespräch geblieben wäre, ließ Anne-Kristin nicht mehr los. Denn:
„Ich bin selber Nieren transplantiert und war dann ganz begeistert. Ich habe mich noch in der Nacht informiert und beworben bei der Firma, die das macht.“

Stille Hoffnung statt Garantie

Helfen – das war schon lange ein Wunsch von ihr. Als Empfängerin eines Spenderorgans weiß sie um den Wert eines zweiten Lebens.
„Ja, ist was, wo ich was geben kann. Du bist beteiligt daran, dass jemand ein Leben bekommen kann. Ich sage bekommen kann, weil es keine Garantie gibt, dass derjenige dadurch überlebt. Aber es gibt eine Hoffnung.“

Über Kontinente hinweg

Seit dem Start vor fast vier Jahren hat Anne-Kristin bereits 44 Transporte begleitet. „Mein weitester Transport war zweimal nach Sydney und ansonsten ist es oft Europa, USA, Kanada, auch einmal Südamerika.“ Die Verantwortung ist riesig – und das weiß sie auch ganz genau:
„Ich weiß noch, beim allerersten Mal – ich war wahnsinnig aufgeregt, weil ich weiß ja, welche Verantwortung ich hier habe. Ich weiß, wenn ich jetzt Mist bau, dann steht das Leben des Patienten oder der Patientin auf dem Spiel.“

Akribische Planung, strikte Abläufe

Ein typischer Einsatz ist minutiös durchgeplant – denn jeder Fehler kann gravierende Folgen haben.
„Meistens reise ich am Tag vorher an." Anschließend beginnt der sensibelste Teil der Reise:
„Da komme ich dann mit so einem Koffer. Es gibt unterschiedliche Größen. Ist wie eine Kühlbox. Also eine ganz spezielle Kühlbox. Die wird mir mit vielen Dokumenten übergeben. Dann fahr ich direkt zum Flughafen.“

Wenn der Koffer zur Diskussion wird

Nicht immer läuft alles glatt – eine Szene am Flughafen Warschau bleibt ihr besonders im Gedächtnis. „Der Mann am Boarding hat mir gesagt ‘Nee, ein Gepäckstück und nicht zwei’. Ich habe ja mein Handgepäck und ich den Koffer […]“ – der Konflikt schien unlösbar, obwohl die Box ein Menschenleben bedeutete. Erst als sie deutlich wurde, kam Bewegung in die Sache:
„Ich habe ihm dann gesagt: Es steht das Leben eines Patienten auf dem Spiel. Und wenn er mich jetzt hier stehen lässt, dann erreiche ich den Flieger nach Brasilien nicht. Dann weiß ich nicht, ob das reicht mit der Kühlung und ob die Zellzahl so weit zurückgeht, das es eine Gefahr für den Patienten ist.“

Unsichtbar helfen

Anerkennung? Kommt selten. „Ich bekomme gar keine Dankbarkeit, weil ich den Patienten oder die Patientin ja nicht sehe. Das ganze ist total anonym.“ Nur einmal vermutete sie, das ein Kind hinter einer Glasscheibe das Ziel ihrer Lieferung ist. Aber auch da: keine Worte. Nur eine Ahnung.

Warum sie trotzdem nicht aufhört

Trotz eigener gesundheitlicher Belastung macht Anne-Kristin weiter. Weil es sich richtig anfühlt: „Ich habe meine Vorgeschichte und ich bin ja selber chronische Patientin. Eigentlich könnte ich das gar nicht machen. Aber weil ich weiß, dass ich helfen kann, mache ich es total gerne.“ 
Was sie sich wünscht? Mehr Verständnis – auch in ganz kleinen Situationen „Ich wünsche mir, dass alle Leute wissen, was da drin ist.“

„Einfach ausprobieren“

Auch wenn nicht jeder Stammzellen transportieren kann – Anne-Kristin will Mut machen, ehrenamtlich aktiv zu werden:
„Ich würde es ausprobieren. Ich bin total froh, dass ich das gefunden habe. Es ist halt genau meins. Mich erfüllt es immer, weil ich weiß, dass ich hoffentlich jemanden helfen kann. Und das ist einfach echt ein tolles Gefühl.“

Danke, Anne-Kristin. Für deinen Mut, deine Reisen – und deine stille Hilfe.

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Dieser Artikel wurde erstellt mit freundlicher Unterstüzung von