Weltweit wird aktuell über Social-Media Verbote für Jugendliche diskutiert. Man erhoffe sich dadurch beispielsweise, dass Kinder und Jugendliche so künftig besser vor Hass und Hetze im Netz geschützt werden. Wir haben uns mit Simone Fleischmann, der Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, über diese Thematik unterhalten und unter anderem die Frage geklärt, was denn der BLLV von einem solchen Verbot hält:
BLLV-Präsidentin, Simone Fleischmann:
„Prinzipiell können wir das auf alle Fälle verstehen. Es geht ja vor allem um die Eltern und um die Kontrolle und es ist irgendwie schon so, dass es einen einheitlichen Konsens darüber gibt, dass jetzt da irgendein Verbot her muss. Wir merken natürlich, was da alles abgeht in den Social-Media-Kanälen der Jugendlichen.
Zuständig für diese ganzen Planungen ist die EU. Das heißt, man muss sich da einfach auf europäischer Ebene verständigen. Was für uns absolut denkbar ist und natürlich auch für die Eltern, sind sichere Rahmenbedingungen. Also zum Beispiel, dass der Internetzugang oder die Smartphone-Verträge durch die Eltern leicht jugendverträglich mit Grundfiltern versehen werden können, ohne großen Aufwand.
Man muss so eine Begrenzung einfach machbar machen, damit die Eltern dann auch den Social-Media Konsum der Kinder beschränken können und nicht dabei resignieren, weil es irgendwie technisch sauschwierig ist. Das heißt, man braucht da gute Vorgaben, EU-weite, einheitliche Vorgaben, damit die Eltern das dann auch gut durchsetzen können.“
Sie sagen: „Man bekommt da schon mit, was im Netz los ist.“ - Wie macht sich diese Problematik denn aktuell im Schulalltag bemerkbar?
BLLV-Präsidentin, Simone Fleischmann:
Alles, was die Kinder und Jugendlichen erleben, live oder im Netz oder am Pausenhof oder eben mit den älteren Geschwistern, ist eine Vorbild Situation. Und wir wissen alle: wir lernen von Vorbildern, leider auch von Negativen. Wenn in Social-Media irgendein Schmarrn durchs Netz geht - wenn da irgendwelche Challenges gemacht werden: wer stopft am meisten Klopapier ins Schulklo, wer produziert die größte Überschwemmung? Dann merken wir natürlich, dass das nachgemacht wird.
Solche Trends gab es früher auch, bloß waren die eben live und auch in der Qualität nicht so drastisch. Mittlerweile verbreiten sie sich übers Netz, dadurch natürlich auch Grenzüberschreitungen, auch Formulierungen, auch Hass und Hetze. Und Jugendliche sind nicht nur im Netz unterwegs, sondern sie sind halt auch live unterwegs und zeigen dann sehr häufig dieses Verhalten aus dem Netz live. Da gilt es dann als Eltern dagegenzuhalten, aber eben auch in der Schule, sowohl interventiv als auch präventiv, sich aufzustellen.
Stichwort Prävention. Was können wir hier von den Schulen erwarten? Welche Maßnahmen gibt es bereits?
BLLV-Präsidentin, Simone Fleischmann:
Was wir immer als Grundlage voraussetzen müssen, sind unbedingte technische Grundlagen, die sozusagen eine Einschränkung ermöglichen. Dann gilt es aber weiterhin, neben Verboten und neben technischen Sperren, in dem Dialog zu bleiben. Sowohl die Elternhäuser können wir nicht entlasten, was den Dialog und die Kontrolle angehen, als auch uns nicht. Das heißt, eine Prävention, insbesondere auch eine Aufklärung, aber eben auch der Dialog auf Augenhöhe mit den Jugendlichen ist verdammt notwendig. Wir müssen ihnen lernen, was sie da konsumieren. Wir müssen mit ihnen sprechen, was sie da erleben.
Prävention ist Medienkompetenz und Medienkompetenz heißt, wie gehe ich mit den Medien um, die es aktuell gibt? Wie nutze ich die sinnvoll? Es ist ja nicht nur eine Gefahr in diesen Medien, auch nicht nur in den sozialen Medien, sondern wie gehe ich da professionell damit um? Was mache ich, wenn ich irgendwie ein Content konsumiere, der mich verstört? Mit wem rede ich drüber? Also ich glaube, wir müssen die Eltern einbinden und auch die älteren Kumpels. Wir müssen in der Schule ein Vertrauensverhältnis schaffen, dass man drüber reden kann. Technik ist die Grundlage, aber dann gilt der Dialog.
Gibt es für Medienkompetenz an den Schulen im Oberland ein eigenes Unterrichtsfach? Wäre das sinnvoll?
BLLV-Präsidentin, Simone Fleischmann:
Wir haben die Medienerziehung seit Jahren im Lehrplan, nur dass sich halt die Medien geändert haben, keine Frage. Aber Medienerziehung, Medienkompetenzerziehung, auch Demokratiebildung, das sind natürlich jetzt Themen, die absolut aktuell sind. Wir brauchen nicht für jedes neue Thema ein neues Fach, weil sonst wüssten wir gar nicht mehr, wie viel Fächer wir eigentlich noch haben sollten. Also das ist nicht das Ziel, sondern es ist das Ziel, dass zum Beispiel Medienkompetenz natürlich mehr in die Mitte rutscht in allen Fächern, aber zum Beispiel auch bei den weiterführenden Schulen - wo wir natürlich manchmal ganz wenig Platz haben für so Querschnittsaufgaben - ist es schon zu fordern, dass wir hier auch mehr Zeit bekommen.
Ein Klassenleiter in der Grundschule, ein Klassenleiter in der Mittelschule kann sich die Zeiten öfter mal nehmen, aber in den weiterführenden anderen Schularten braucht es dann da, weil die oftmals nicht das Klassenleiterprinzip haben, schon auch mehr Raum für Medienerziehung und Medienkompetenz.
Können Lehrer und Lehrerinnen das überhaupt leisten? Nicht jeder wird selbst ein Experte sein, im richtigen Umgang mit Sozialen Medien. Können sie die Inhalte dann überhaupt an Kinder vermitteln?
BLLV-Präsidentin, Simone Fleischmann:
Wir sind ja auch alle Teil der Gesellschaft. Wir sind auch irgendwie „Digital Natives“ oder zumindest User. Wir müssen uns da Kompetenzen draufschaufeln. Sie haben absolut recht. Es braucht da in der Lehrerbildung, auch in den Universitäten sschon Kompetenzen für junge Kolleginnen und Kollegen. Wir sehen zum Beispiel, dass Angebote des Bayerischen Lehrer und Lehrerinnen-Verbands Richtung Medienkompetenz bei Lehrerinnen und Lehrern sofort ausgebucht sind, sobald sie ausgeschrieben sind. Also gibt es ein großes Bedürfnis, sich selber zu bilden. Da haben Sie recht.
Uns bleibt gar nichts anderes übrig: die Welt von morgen ist digital. Das Zeug geht nicht mehr weg, wenn man das mal so flapsig sagen darf. Wir werden uns mit dieser Welt beschäftigen müssen. Kinder und Jugendliche werden Berufe in 10-15 Jahren haben, die wir heute noch gar nicht kennen, die aber alle in der Welt der Digitalität unterwegs sind. Das heißt, es bringt gar nichts anderes, wie: Wir müssen uns damit beschäftigen. Und das tun wir.
Wir gehen auch davon aus, dass wir das schon in der Lebenswelt der Grundschüler tun müssen. Wir brauchen also Medienerziehung unserer Meinung nach ab der ersten Klasse. Und deswegen müssen wir vorbereitet sein. Wir müssen die Kids mitnehmen, altersgemäß und wir brauchen vor allem auch die absolute Bekenntnis, dass das ein wichtiges Thema ist, mit den digitalen Medien umzugehen und dann muss halt das ein oder andere Wissensthema vielleicht auch mal runterfallen. Nicht: lesen, rechnen und schreiben. Kernkompetenzen brauchen wir, aber Medienkompetenz scheint ja wohl die Future-Skill-Kompetenz zu sein, die wir brauchen.
Zum Abschluss: haben sie noch einen Appell an die Eltern im Oberland?
BLLV-Präsidentin, Simone Fleischmann:
Was für die Eltern ganz wichtig ist, wenn ich meinen Jugendlichen erlebe, der absäuft in diesem Social-Media Strudel, dann muss ich mit ihm reden. Ich muss irgendwie klar kriegen, was macht der da? Warum ist der so verstört? Warum kann der eigentlich gar nicht mehr mit uns am Frühstück irgendeinen normalen, geraden Satz reden? Also der Dialog ist umso wichtiger mit Jugendlichen, die absaufen in diesen sozialen Medien und da braucht es einerseits Beschränkungen, andererseits Dialoge und wir können die Kinder da nicht alleine lassen, weder die Eltern noch die Lehrer.
Vielen Dank für das Interview.